28. Mai 2009 Bundestagsrede

Menschenrechte für Lesben, Schwule und Transgender

"Der Kreml ist abgesperrt, die Einkaufsstraße  Twerskaja ist gesäumt von zweitausend Polizisten  und Milizen. Ohne andere Wirklichkeiten missdeuten  zu können, aber sie sehen wie Brutalos aus. Als  wir, eine kleine Gruppe … am Novopuschkin  Skwer ankommen, ist dieser Platz noch stärker militarisiert.  Man sieht, wie die Polizei Männer verhaftet  und abführt, sie in Einsatzwagen sperrt. Zu  hören sind Krankenwagen mit heulendem Einsatzton.  … Es liegt ein unfassliches Klima der Bedrohung  über der Szene … Wir haben unsere Pässe in  den Taschen, wir sind Journalisten, wir fürchten, jeden  Moment verprügelt zu werden."

Der Journalist Jan Feddersen schildert hier die Eindrücke  der Auflösung einer lesbisch-schwulen Demonstration.  Dies geschah in Europa – in Moskau, in einem  Land, das Gerhard Schröder einst als „lupenreine Demokratie“  pries. Wenige Stunden vor Beginn des Eurovision  Song Contest geschah dies unweit der Veranstaltungshalle.

120 Millionen Menschen verfolgten am  Bildschirm die bunte Glitzerwelt. Unter den Augen der  Öffentlichkeit fand das große Spektakel mit den zahlreichen  lesbischen und schwulen Stars statt. Moskau ist nur  2 000 Kilometer von Berlin entfernt. Doch wer denkt,  dies habe nichts mit uns zu tun, der irrt!

„Schwule Sau“, „blöde Lesbe“ sind die meist gebrauchten  Schimpfwörter an deutschen Schulen. Lesbische  und schwule Schülerinnen und Schüler haben  Angst. Schnell endet ein Coming-out im Spießrutenlauf.  Sie werden gehänselt, drangsaliert und nicht selten auch  körperlich bedroht. Oft wenden sich Freundinnen und  Freunde von ihnen ab. Und Lehrerinnen und Lehrer sind  weder geschult noch befähigt, mit lesbischen oder  schwulen Schülerinnen und Schülern umzugehen. Diesen  jungen Menschen fehlen Ansprechpartnerinnen und  Ansprechpartner oder gleichaltrige Identifikationsfiguren.  Die Schule ist – neben dem Fußballstadion – wahrscheinlich  der Ort, an dem die sexuelle Vielfalt am geringsten  geachtet wird. Gerade in der Pubertät hat die  Homophobie auf lesbische und schwule Jugendliche  eine verheerende Auswirkung.  Deshalb ist jede Initiative unterstützenswert, die sich  dieser Problematik annimmt. In dieser Legislaturperiode

war dieses Problem leider nicht Thema im Koalitionsvertrag.  Auch im Regierungshandeln führte es ein Schattendasein.

Meine Damen und Herren der Regierungskoalition,  gegen die Diskriminierung und für die  Gleichstellung haben Sie kaum etwas getan, bis auf eine  Verbesserung im Erbschaftsteuerrecht. Alle Initiativen,  ob von der Linken, ob von den Grünen oder der FDP,  fanden keinerlei Unterstützung.  Der FDP-Antrag ist richtig und unterstützenswert.  Aber es fragt sich, warum die FDP nicht auf Landesebene  Initiativen ergreift, insbesondere dort, wo sie mitregiert.  Wo blieben beispielsweise Ihre Initiativen in  Nordrhein-Westfalen, Bayern oder in Hessen? Da bleiben  Sie noch viel schuldig!

Dass es auch anders geht – und dies sehr konkret –,  zeigt die rot-rote Berliner Regierungskoalition. Sie hat  sich des Themas angenommen – und dies weitaus konkreter,  als Sie es hier tun, meine Damen und Herren der  FDP.

Der umfangreiche Antrag „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung  und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ wurde  vom Berliner Abgeordnetenhaus einstimmig angenommen.  Hierin wird im Kern eine konkrete Veränderung  des Bildungswesens und der Verwaltung festgelegt. Ansprechpartnerinnen  und Ansprechpartner an Schulen,  Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrer, Wandel  der Verwaltungen, Fortbildungsprogramme und vieles  mehr – dies sind konkrete Schritte, also eine „proaktive“  Antidiskriminierungspolitik mit einer regelmäßigen richterstattung der Senatsverwaltungen sowie Erarbeitung  von Förderprogrammen.  Der einstimmig – auch von der FDP! – verabschiedete  Antrag beinhaltete Initiativen zur Rehabilitierung  und Entschädigung der nach § 175 StGB verurteilten  Homosexuellen in der Nachkriegszeit. Ich frage mich,  warum Sie sich hier im Bundestag ebendieser Initiative  von der Linken widersetzt haben, während ihre Abgeordnetenhausfraktion  in Berlin dem zustimmen konnte.

Die Akzeptanz sexueller Vielfalt zu erreichen, bedeutet  dicke Bretter zu bohren. Daran sollten wir gemeinsam  mitwirken.